Leo Trotzki

 

Ergebnisse und Perspektiven



7. Die Voraussetzungen des Sozialismus

Der Marxismus hat ans dem Sozialismus eine Wissenschaft gemacht. Das hindert manche „Marxisten“ nicht, aus dem Marxismus eine Utopie zu machen.

Roschkow stellt in seiner Argumentation gegen das Programm der Sozialisierung und Vergenossenschaftlichung die „notwendigen Voraussetzungen des künftigen Gesellschaftssystems, die von Marx unerschütterlich festgelegt sind“, wie folgt dar: „Ist etwa jetzt“, sagt Roschkow, „seine objektive materielle Voraussetzung bereits gegeben, die in einem Entwicklungsstand der Technik bestehen muß, der das Motiv des persönlichen Gewinns, das Vorhandensein [?] von persönlicher Tatkraft, von Unternehmungsgeist und Risiko auf ein Minimum reduziert und damit die gesellschaftliche Produktion auf den vordersten Plan treten läßt; ein solcher Stand der Technik ist aufs engste verknüpft mit der fast uneingeschränkten [!] Vorherrschaft der Großindustrie in allen [!] Wirtschaftszweigen, aber ist ein solches Resultat etwa erreicht? – Es fehlt auch die psychologische, subjektive Voraussetzung, das Wachstum des Klassenbewußtseins des Proletariats, das schließlich den geistigen Zusammenschluß der überwältigenden Mehrheit der Volksmassen mit sich bringt“ – „Wir kennen“, sagt Roschkow weiter, „schon jetzt Beispiele von Produktionsassoziationen wie z. B. die bekannten französischen Glaswerke in Albi und verschiedene handwirtschaftliche Produktionsassoziationen ebenfalls in Frankreich ... Und hier zeigen die erwähnten französischen Erfahrungen deutlicher als alles andere, daß selbst in einem so fortgeschrittenen Lande wie Frankreich die Wirtschaftsbedingungen nicht weit genug entwickelt sind, um eine Vorherrschaft der Kooperation zu ermöglichen: diese Unternehmen sind nur von mittlerer Größe, ihr technisches Niveau ist nicht höher als das gewöhnlicher kapitalistischer Unternehmen, sie marschieren nicht an der Spitze der industriellen Entwicklung, führen sie nicht an, sondern erreichen ein bescheidenes durchschnittliches Niveau. Erst wenn die Erfahrungen einzelner Produktionsassoziationen deren führende Rolle im Wirtschaftsleben zeigen, erst dann sind wir in der Nähe eines neuen Gesellschaftssystems, erst dann können wir sicher sein, daß die notwendigen Voraussetzungen für seine Verwirklichung vorliegen.“ [A]

Wenn wir auch die guten Absichten des Gen. Roschkow respektieren, so müssen wir doch voller Betrübnis bekennen, daß wir selbst in der bürgerlichen Literatur selten einer größeren Verwirrung über die sogenannten Voraussetzungen des Sozialismus begegnet sind. Es lohnt sich, auf diese Verwirrung einzugehen, wenn auch nicht Roschkows wegen, so doch um des Problems willen.

Roschkow erklärt, es gebe noch nicht den „Entwicklungsstand der Technik, der das Motiv des persönlichen Gewinns, das Vorhandensein [?] von persönlicher Tatkraft, von Unternehmungsgeist und Risiko auf ein Minimum reduziert und damit die gesellschaftliche Produktion auf den vordersten Plan treten läßt“. Es ist ziemlich schwierig. den Sinn dieses Abschnitts zu verstehen. Offenbar will Gen. Roschkow sagen, daß erstens die moderne Technik die lebendige menschliche Arbeit noch nicht in ausreichendem Maße aus der Industrie verdrängt habe; daß zweitens die Verdrängung die „fast“ uneingeschränkte Vorherrschaft von Großbetrieben in allen Wirtschaftszweigen voraussetze und damit die „fast“ uneingeschränkte Proletarisierung der gesamten Bevölkerung eines Landes.

Das sind die beiden Voraussetzungen, die angeblich „von Marx unerschütterlich festgelegt“ worden sind.

Versuchen wir, uns das Bild der kapitalistischen Verhältnisse vorzustellen, das der Sozialismus nach der Methode Roschkows vorfinden wird. „Die fast uneingeschränkte Vorherrschaft der Großindustrie in allen Wirtschaftszweigen“ bedeutet unter den Bedingungen des Kapitalismus, wie gesagt, die Proletarisierung aller kleinen und mittleren Produzenten in Landwirtschaft und Industrie, d. h. die Verwandlung der gesamten Bevölkerung in Proletariat. Aber die uneingeschränkte Herrschaft der Maschinentechnik in diesen Großbetrieben reduziert den Bedarf an lebendiger Arbeit auf ein Minimum und verwandelt somit die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des Landes – man hat an 90 Prozent zu denken – in eine Reservearmee, die auf Staatskosten in Arbeitshäusern lebt. Wir nahmen 90 Prozent an, aber nichts hindert uns, logisch zu sein und uns einen Zustand vorzustellen, in dem die gesamte Produktion aus einem einzigen Automaten besteht, der einem einzigen Syndikat gehört und als lebendige Arbeitskraft lediglich einen einzigen dressierten Orang-Utan braucht. Bekanntlich ist das die brillant-konsequente Theorie Tugan-Baranowskis. [9] Unter solchen Bedingungen rückt die „gesellschaftliche Produktion“ nicht nur „auf den vordersten Plan“, sondern sie beherrscht das ganze Feld; mehr noch – zugleich wird auch ganz natürlich der gesellschaftliche Konsum organisiert, denn es ist ganz offensichtlich, daß die ganze Nation mit Ausnahme der 10 Prozent des Trusts auf öffentliche Kosten in Arbeitshäusern leben wird. So lächelt hinter dem Rücken des Gen. Roschkow das vertraute Gesicht des Herrn Tugan-Baranowski hervor. – Hernach bricht der Sozialismus an: die Bevölkerung taucht aus den Arbeitshäusern auf und expropriiert die Gruppe der Expropriateure. Weder Revolution noch Diktatur des Proletariats sind hierbei natürlich vonnöten.

Das zweite ökonomische Merkmal der Reife eines Landes für den Sozialismus ist nach Roschkow die Möglichkeit der Vorherrschaft kooperativer Produktion. Nicht einmal in Frankreich leisten die kooperativen Glaswerke von Albi mehr als die anderen kapitalistischen Unternehmen. Sozialistische Produktion wird nur dann möglich, wenn Kooperative als führende Betriebe an der Spitze der industriellen Entwicklung stehen.

All diese Erwägungen sind von Anfang bis Ende verdreht. Die Kooperative können nicht an die Spitze der industriellen Entwicklung gelangen, nicht weil die wirtschaftliche Entwicklung noch nicht weit genug, sondern weil sie zu weit fortgeschritten ist. Zweifellos bereitet die ökonomische Entwicklung den Boden für die kooperative Produktion, aber für welche? Für die kapitalistische Kooperation auf der Basis der Lohnarbeit – jede Fabrik zeigt uns eine derartige kapitalistische Kooperation. Mit der Entwicklung der Technik nimmt auch die Bedeutung dieser Kooperation zu. – Aber wie kann die Entwicklung des Kapitalismus die genossenschaftlichen Betriebe „an die Spitze der Industrie“ lassen? Worauf gründet Gen. Roschkow seine Hoffnungen, daß die Kooperativen die Syndikate und Trusts verdrängen und ihren Platz an der Spitze der industriellen Entwicklung einnehmen können? Es ist klar, daß in diesem Falle die Kooperativen ganz automatisch alle kapitalistischen Unternehmen zu enteignen hätten, wonach sie nur noch den Arbeitstag soweit verkürzen müßten, daß alle Bürger Arbeit hätten, und den Produktionsumfang in den verschiedenen Branchen regulieren müßten, um Krisen zu vermeiden. Auf diese Weise wäre der Sozialismus in seinen Grundzügen errichtet. Es ist wiederum klar, daß es nicht im geringsten einer Revolution oder der Diktatur des Proletariats bedarf.

Die dritte Voraussetzung ist eine psychologische: notwendig sei ein „Wachstum des Klassenbewußtseins des Proletariats, das schließlich den geistigen Zusammenhang der überwältigenden Mehrheit der Volksmassen mit sich bringt“. Da man unter geistigem Zusammenschluß in diesem Falle offenbar die bewußte sozialistische Solidarität zu verstehen hat, heißt das, daß Gen. Roschkow den Zusammenschluß der „überwältigenden Mehrheit der Volksmassen“ in den Reihen der Sozialdemokratie für die psychologische Voraussetzung des Sozialismus hält. Roschkow nimmt also offensichtlich an, daß der Kapitalismus – der die kleinen Produzenten in die Reihen des Proletariats und die Masse der Proletarier in die Reihen der industriellen Reservearmee treibt – für die Sozialdemokratie die Möglichkeit schaffen wird, die überwältigende Mehrheit (90 Prozent?) der Volksmassen geistig zusammenzuschließen und aufzuklären.

Dies zu verwirklichen, ist in der Welt der kapitalistischen Barbarei ebensowenig möglich wie die Herrschaft der Kooperativen im Reich kapitalistischer Konkurrenz. Aber wenn es zu verwirklichen wäre, dann würde natürlich die im Bewußtsein und Geist vereinte „überwältigende Mehrheit“ der Nation ohne Schwierigkeit die wenigen Kapitalmagnaten absetzen und ohne Revolution und Diktatur eine sozialistische Wirtschaftsordnung organisieren.

Hier taucht jedoch unwillkürlich folgende Frage auf. Roschkow hält sich für einen Schüler von Marx. Marx, der die „unerschütterlichen Voraussetzungen des Sozialismus“ in seinem Kommunistischen Manifest dargelegt hat, betrachtete jedoch die Revolution von 1848 als den unmittelbaren Prolog der sozialistischen Revolution. Es bedarf nach 60 Jahren natürlich keines allzu großen Scharfsinns, zu erkennen, daß Marx sich geirrt hat, denn die kapitalistische Welt existiert, wie wir wissen, noch immer. Aber wie konnte Marx sich so irren? Hat er denn nicht gesehen, daß die Großbetriebe noch nicht alle Industriezweige beherrschten? Daß die Produktionsgenossenschaften noch nicht an der Spitze der Großunternehmen standen? Daß die überwältigende Mehrheit des Volkes noch nicht auf dem Boden der Ideen des Kommunistischen Manifestes vereinigt war? Wenn wir sehen, daß all dies selbst heute noch da ist, wie konnte es Marx dann übersehen, daß im Jahre 1848 nichts dergleichen vorhanden war? Wahrhaftig, der Marx von 1848 war ein utopisches Wickelkind im Vergleich zu vielen heutigen unfehlbaren Automaten des Marxismus! ...

Wir sehen also, daß Gen. Roschkow, obwohl er keineswegs zu den Kritikern von Marx gehört, dennoch die proletarische Revolution als die notwendige Voraussetzung des Sozialismus gänzlich abschafft. Da Roschkow nur allzu konsequent die Ansichten zum Ausdruck gebracht hat, die eine beträchtliche Zahl von Marxisten in beiden Richtungen unserer Partei teilen, ist es notwendig, sieh mit den prinzipiellen, methodischen Grundlagen seiner Irrtümer zu befassen.

Nebenbei muß man bemerken, daß die Gedankengänge Roschkows über das Schicksal der Kooperativen sein persönliches Eigentum sind. Wir selber sind nirgendwo einem Sozialisten begegnet der an ein so einfaches, unaufhaltsames Fortschreiten der Konzentration der Produktion und der Proletarisierung der Volksmassen und zugleich an die führende Rolle von Produktionsgenossenschaften vor der proletarischen Revolution geglaubt hätte. Diese beiden Voraussetzungen zu verneinen, ist in der ökonomischen Entwicklung weitaus schwieriger als bloß im eigenen Kopf, obwohl uns auch letzteres immer nur schwer möglich schien.

Aber wir werden zwei weitere „Voraussetzungen“ behandeln, die typischere Vorurteile darstellen.

Zweifellos sind die Entwicklung der Technik, die Konzentration der Produktion und der Anstieg des Bewußtseins bei den Massen Voraussetzungen des Sozialismus. Aber alle diese Prozesse gehen gleichzeitig vor sich; sie stoßen und treiben sich nicht nur gegenseitig an, sondern verzögern und beschränken einander auch. Jeder dieser Prozesse, der auf einem höheren Niveau stattfindet, verlangt eine bestimmte Entwicklung eines anderen Prozesses auf einer niedrigeren Ebene. Aber die vollständige Entwicklung eines jeden von ihnen ist unmöglich, wenn sich die übrigen vollständig entwickelt haben.

Die Entwicklung der Technik hat zweifellos ihren idealen Grenzwert in einem einzigen automatischen Mechanismus, der Rohstoffe aus dem Schoß der Natur holt und die fertigen Verbrauchsgüter den Menschen vor die Füße wirft. Wenn die Existenz des Kapitalismus nicht beschränkt wäre durch die Klassenverhältnisse und den sich hieraus ergebenden revolutionären Kampf, so müßten wir annehmen, daß die Technik – wenn sie sich dem Ideal eines einzigen automatischen Mechanismus im Rahmen des kapitalistischen Systems angenähert hat – damit auch den Kapitalismus automatisch aufhebt.

Die sich aus dem Gesetz der Konkurrenz ergebenden Konzentration der Produktion hat die innere Tendenz, die gesamte Bevölkerung zu proletarisieren. Isolierten wir diese Tendenz, so hätten wir Grund zu der Annahme, daß der Kapitalismus sein Werk zu Ende führte, wenn nicht der Prozeß der Proletarisierung von einer revolutionären Umwälzung unterbrochen würde, die bei einem bestimmten Verhältnis der Klassenkräfte unvermeidlich ist – lange bevor der Kapitalismus die Mehrheit der Bevölkerung in eine Reservearmee verwandelt hat, die in gefängnisähnlichen Behausungen wohnt.

Weiter. Mit dem Wachstum des Bewußtseins geht es, dank der Erfahrung des Tageskampfes und der bewußten Anstrengungen der sozialistischen Parteien, zweifellos ständig vorwärts. Betrachten wir diesen Prozeß isoliert, so können wir ihn bis zu dem Punkt verfolgen, an dem die überwältigende Mehrheit des Volkes in gewerkschaftlichen und politischen Organisationen erfaßt und durch das Gefühl der Solidarität und die Einheit des Zieles zusammengeschlossen ist. Wenn dieser Prozeß wirklich quantitativ fortschreiten könnte, ohne sich qualitativ zu verändern, könnte der Sozialismus friedlich durch einen einmütigen, bewußten Akt der Bürger des 21. oder 22. Jahrhunderts verwirklicht werden.

Aber wesentlich ist, daß diese Prozesse, die die historischen Voraussetzungen für den Sozialismus darstellen, sich nicht isoliert voneinander vollziehen, sondern sich gegenseitig hemmen, daß sie, wenn sie einen gewissen Punkt erreicht haben, der von zahlreichen Umständen bestimmt wird, aber auf jeden Fall weit von ihrem mathematischen Grenzwert entfernt ist, einer qualitativen Veränderung unterliegen und in ihrer komplexen Kombination zu dem führen, was wir als soziale Revolution begreifen.

Wir wollen mit dem zuletzt erwähnten Prozeß beginnen, dem Anwachsen des Bewußtseins. Dies vollzieht sich, wie wir wissen, nicht in Akademien, in denen man das Proletariat künstlich 50, 100 oder 500 Jahre festhalten könnte, sondern im vollen Leben der kapitalistischen Gesellschaft auf der Grundlage eines unablässigen Klassenkampfes. Das wachsende Bewußtsein des Proletariats gibt diesem Klassenkampf eine neue Form, verleiht ihm einen tieferen und prinzipielleren Charakter und ruft eine entsprechende Reaktion der herrschenden Klasse hervor. Der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie hat seine eigene Logik, die sich mehr und mehr verschärft, und schon lange bevor die Großbetriebe in allen Wirtschaftszweigen dominieren, zu einer Lösung der Sache kommen wird.

Weiter versteht sich ganz von selbst, daß ein Wachstum des politischen Bewußtseins auf dem zahlenmäßigen Anwachsen des Proletariats beruht wobei die proletarische Diktatur voraussetzt, daß die zahlenmäßige Stärke des Proletariats groß genug ist, um den Widerstand der bürgerlichen Konterrevolution zu brechen. Das bedeutet nun aber keineswegs, daß die „überwältigende Mehrheit“ der Bevölkerung aus Proletariern bestehen muß und die „überwältigende Mehrheit“ des Proletariats aus bewußten Sozialisten. Auf jeden Fall ist klar, daß die bewußte revolutionäre Armee des Proletariats stärker als die konterrevolutionäre Armee des Kapitals sein muß; hierbei müssen sich die unsicheren und indifferenten Zwischenschichten der Bevölkerung in einer Lage befinden, die es erlaubt, daß sie das Regime der proletarischen Diktatur auf die Seite der Revolution zieht und nicht in die Reihen ihrer Feinde stößt. Natürlich muß die Politik des Proletariats dies bewußt in Rechnung stellen.

Dies alles aber setzt seinerseits eine Hegemonie der Industrie über die Landwirtschaft und ein Übergewicht der Stadt über das Land voraus.

Versuchen wir, die Voraussetzungen des Sozialismus zu betrachten, indem wir mit den ganz allgemeinen beginnen und dann zu den komplexeren aufsteigen:

1. Der Sozialismus ist nicht nur eine Frage der gleichmäßigen Verteilung, sondern auch eine Frage der planmäßigen Produktion. Eine sozialistische, d. h. eine kooperative Produktion im großen Umfang, ist nur möglich, wenn die Entwicklung der Produktivkräfte ein Niveau erreicht hat, auf dem Großbetriebe produktiver arbeiten als kleine. Je größer das Übergewicht des Großbetriebes über den kleinen, d. h. je höher entwickelt die Technik sein wird, desto größer müssen die wirtschaftlichen Vorteile der Sozialisierung der Produktion, desto höher muß folglich das kulturelle Niveau der gesamten Bevölkerung bei der gleichmäßigen Verteilung sein, die auf einer planmäßigen Produktion basiert.

Diese erste objektive Vorbedingung des Sozialismus ist seit langem gegeben. Seit die gesellschaftliche Arbeitsteilung zur Arbeitsteilung in der Manufaktur führte und besonders, seit die Manufaktur von der Fabrik mit maschineller Produktion abgelöst wurde, ist das Großunternehmen immer gewinnbringender geworden, und das heißt, daß auch eine Sozialisierung des Großbetriebs die Gesellschaft immer reicher machen muß Es ist klar, daß der Übergang aller Handwerksbetriebe in das gemeinschaftliche Eigentum aller Handwerker diese nicht im geringsten reicher gemacht hatte wohingegen das Überführen der Manufakturen in das gemeinsame Eigentum der in ihnen beschäftigten Arbeiter oder die Überführung der Fabriken in die Hände der Lohnarbeiter, oder besser gesagt der Übergang aller Produktionsmittel der großen fabrikmäßigen Produktion in die Hände der Gesamtbevölkerung unzweifelhaft ihr materielles Niveau heben würde – und je höher der von der Großproduktion erreichte Stand, desto höher auch dieses Niveau.

In der sozialistischen Literatur wird oft der Antrag des englischen Unterhausmitgliedes Bellers angeführt, der hundert Jahre vor der Verschwörung Babeufs, genau 1696, im Parlament das Projekt der Organisation kooperativer Genossenschaften einbrachte, die alle ihre Bedürfnisse selbständig befriedigen sollten. Nach den Berechnungen des Engländers sollte ein solches Produktionskollektiv ans 200 bis 300 Personen bestehen. Wir können uns hier mit der Prüfung seiner Schlußfolgerungen nicht befassen, und das ist für uns auch unwesentlich – wichtig ist lediglich, daß eine solche kollektivistische Wirtschaft, selbst wenn sie nur 100, 200. 300 oder 500 Personen beschäftigen sollte, bereits Ende des 17. Jahrhunderts Produktionsvorteile bot.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwarf Fourier seinen Plan der Produktions- und Konsumassoziationen, der „phalanstères“, die jeweils aus 2.000 bis 3.000 Personen bestehen sollten. Fouriers Kalkulationen zeichneten sich keineswegs durch Exaktheit aus; aber jedenfalls ließ ihm die Entwicklung des Manufaktursystems zu dieser Zeit wirtschaftliche Kollektive in einem unvergleichlich größeren Umfang sinnvoll erscheinen, als es bei dem eben angeführten Beispiel der Fall war. Es ist nun aber klar, daß die Assoziationen John Bellers, wie auch die phalanstères Fouriers den freien wirtschaftlichen Kommunen bedeutend näher stehen, von denen die Anarchisten träumen, deren Utopismus nicht darin besteht, daß sie überhaupt „unmöglich“ oder „gegen die Natur sind (die kommunistischen Gemeinschaften in Amerika haben bewiesen, daß sie möglich sind), sondern darin, daß sie 100 bis 200 Jahre hinter dem Fortschritt der ökonomischen Entwicklung herhinken.

Die Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung einerseits und der maschinellen Produktion andererseits führte dazu, daß der Staat heutzutage das einzige Kooperativ ist, das die Vorteile einer kollektivistischen Wirtschaftsweise in großem Umfang nützen könnte. Mehr noch: auch in die geschlossenen Grenzen einzelner Staaten würde die sozialistische Produktion gar nicht mehr hineinpassen.

Atlanticus [10], ein deutscher Sozialist, der nicht auf dem Standpunkt Marx’ steht, hat Ende des letzten Jahrhunderts die ökonomischen Vorteile einer sozialistischen Wirtschaft in dem Rahmen Deutschlands berechnet. Atlanticus zeichnet sich in keiner Weise durch den Höhenflug seiner Phantasie aus, sein Denken bewegt sich ganz und gar in den Gleisen der wirtschaftlichen Routine des Kapitalismus. Er stützt sich auf die maßgeblichen Schriftsteller der heutigen Agronomie, Technologie – und darin liegt nicht nur seine Schwäche, sondern auch seine starke Seite, weil sie ihn vor übertriebenem Optimismus bewahrt. Atlanticus kommt jedenfalls zu dem Schluß, daß bei zweckmäßiger Organisation der sozialistischen Wirtschaft, bei Ausnutzung aller technischen Mittel in der Mitte der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts das Einkommen des Arbeiters verdoppelt oder verdreifacht und die Arbeitszeit auf die Hälfte des jetzigen Ausmaßes reduziert werden könnte.

Man sollte allerdings nicht annehmen, daß Atlanticus als erster die ökonomischen Vorteile des Sozialismus bewiesen hat: die unendlich hohe Arbeitsproduktivität in den Großbetrieben einerseits und die durch die Wirtschaftskrisen bewiesene Notwendigkeit einer Produktionsplanung andererseits zeugen sehr viel beredter für die wirtschaftlichen Vorzüge des Sozialismus als die sozialistische Buchhaltung des Atlanticus. Sein Verdienst besteht nur darin, daß er diesen Vorzug in Näherungswerten zum Ausdruck gebracht hat.

Das bereits Gesagte rechtfertigt die Schlußfolgerung, daß – wenn das weitere Zunehmen der technischen Macht des Menschen den Sozialismus immer vorteilhafter werden läßt – dann ausreichende technische Voraussetzungen für die kollektivistische Produktion in diesem oder jenem Umfang schon seit 100 bis 200 Jahren gegeben sind, und daß der Sozialismus gegenwärtig nicht allein im einzelstaatlichen, sondern in außerordentlich großem Maße auch im Weltmaßstab technisch vorteilhaft ist.

Aber die technischen Vorzüge des Sozialismus genügen allein keineswegs, um ihn zu verwirklichen. Während des 18. und 19. Jahrhunderts zeigten sich die Vorteile der Großproduktion nicht in einer sozialistischer, sondern in kapitalistischer Form. Weder das Projekt Bellers’ noch das Fouriers wurde verwirklicht. Warum nicht? Weil es zu dieser Zeit keine soziale Kraft gab, die bereit und fähig gewesen wäre beides zu realisieren

2. Jetzt gehen wir von der produktionstechnischen Voraussetzung zur sozial-ökonomischen über, die weniger allgemein aber komplexer ist. Hätten wir es nicht mit einer antagonistischen Klassengesellschaft zu tun sondern mit einer homogenen Gemeinschaft die das System ihrer Wirtschaft bewußt wählt, so genügten schon die Berechnungen des Atlanticus vollständig, um mit dem sozialistischen Aufbau zu beginnen. Atlanticus, ein Sozialist sehr vulgärer Art, meint in seiner Arbeit genau dies.

Eine derartige Theorie ließe sich jedoch gegenwärtig nur in den Grenzen der privaten Wirtschaft einer Person oder einer Aktiengesellschaft anwenden. Man kann immer davon ausgehen, daß das Projekt einer wirtschaftlichen Reform (Einführung neuer Maschinen, neuer Rohstoffe, eines anderen Arbeitsreglements und Entlohnungssystems) von den Besitzern immer dann akzeptiert wird, wenn dieses Reformprojekt unzweifelhafte kommerzielle Vorteile mit sich bringt. Weil wir es hier aber mit der Wirtschaft der Gesamtgesellschaft zu tun haben, ist das allein nicht genug. Hier kämpfen feindliche Interessen miteinander. Was für den einen vorteilhaft ist, schadet dem anderen. Der Egoismus einer Klasse handelt nicht nur gegen den Egoismus einer anderen, sondern auch gegen die Interessen des Ganzen. Folglich ist es zur Verwirklichung des Sozialismus notwendig, daß es unter den antagonistischen Klassen der kapitalistischen Gesellschaft eine soziale Kraft gibt, die aufgrund ihrer objektiven Lage an der Verwirklichung des Sozialismus interessiert und mächtig genug ist, ihn nach der Überwindung feindlicher Interessen und Widerstände zu realisieren.

Eines der grundlegenden Verdienste des wissenschaftlichen Sozialismus besteht darin, daß er theoretisch im Proletariat eine solche soziale Kraft entdeckte und zeigte, daß diese Klasse, die zwangsläufig mit dem Kapitalismus wächst, ihre Rettung nur im Sozialismus finden kann; daß die Gesamtsituation sie zum Sozialismus treibt und daß schließlich in der kapitalistischen Gesellschaft die Lehre des Sozialismus notwendig zur Ideologie des Proletariats werden muß.

So ist leicht zu sehen, welch einen kolossalen Schritt Atlanticus vom Marxismus zurückgeht, wenn er versichert, daß es – sobald erst einmal bewiesen sei, daß „durch die Überführung der Produktionsmittel in die Hand des Staates nicht nur ein allgemeiner Wohlstand erreicht, sondern auch die Arbeitszeit verkürzt werden kann – völlig unerheblich ist, ob die Theorie der Kapitalkonzentration oder des Verschwindens der Zwischenschichten der Gesellschaft bestätigt wird oder nicht.“ ...

Ist die Vorteilhaftigkeit des Sozialismus einmal bewiesen, so sei es nach Meinung von Atlanticus „nutzlos, all seine Hoffnung auf den Fetisch der wirtschaftlichen Entwicklung zu setzen; man sollte hingegen umfangreiche Untersuchungen anstellen und zu einer umfassenden und gründlichen Vorbereitung des Übergangs von der privaten zur staatlichen oder ‚gesellschaftlichen‘ Produktion schreiten [!]“. [B]

Wenn er sich gegen die nur oppositionellen Taktiken der Sozialdemokratie wendet und empfiehlt, sofort zu den Vorbereitungen für die sozialistische Umgestaltung zu „schreiten“, vergißt Atlanticus. daß der Sozialdemokratie noch immer die dazu notwendige Macht fehlt und daß Wilhelm II., Bülow und die Mehrheit des Deutschen Reichstages, obwohl sie die Macht in Händen halten, nicht die geringste Absicht haben, den Sozialismus einzuführen. Das sozialistische Projekt des Atlanticus überzeugt die Hohenzollern ebensowenig wie die Pläne Fouriers die Bourbonen der Restauration – auch wenn dieser seinen politischen Utopismus auf einer leidenschaftlichen Phantasie im Bereich der wirtschaftlichen Schöpfungen gründete, während Atlanticus sich in seinem nicht geringeren politischen Utopismus auf eine überzeugende, philisterhaft-nüchterne Buchhaltung stützt.

Wie hoch muß das Niveau der sozialen Differenzierung sein, damit die zweite Voraussetzung gegeben ist? Mit anderen Worten: wie groß muß die relative, zahlenmäßige Stärke des Proletariats sein? Muß es die Hälfte, zwei Drittel oder neun Zehntel der Bevölkerung ausmachen?

Es wäre ein völlig hoffnungsloses Unterfangen zu versuchen, den rein arithmetischen Rahmen dieser zweiten Voraussetzung des Sozialismus zu bestimmen. Vor allem würde bei einem solchen Schematismus die Frage auftauchen, wen man zum Proletariat zu zählen hat: Sollen wir die große Schicht der halben Proletarier und halben Bauern mitzählen? Sollen wir die Reservearmee der städtischen Proletarier dazuzählen – die einerseits mit dem parasitären Proletariat der Bettler und Diebe verschmelzen, andererseits die Straßen der Stadt als Kleinhändler bevölkern und also eine parasitäre Rolle in Bezug auf die Gesamtwirtschaft spielen? Diese Frage ist keineswegs einfach.

Die Bedeutung des Proletariats beruht ganz und gar auf seiner Rolle in der Großproduktion. Die Bourgeoisie stützt sich in ihrem Kampf um die politische Herrschaft auf ihre ökonomische Macht. Bevor es ihr gelingt, die Staatsgewalt zu übernehmen, konzentriert sie die Produktionsmittel des Landes in ihren Händen; dies bestimmt auch ihr spezifisches gesellschaftliches Gewicht. Das Proletariat jedoch wird trotz aller genossenschaftlichen Phantasmagorien von den Produktionsmitteln bis zum Augenblick der sozialistischen Revolution abgeschnitten sein. Seine soziale Macht ergibt sich aus der Tatsache, daß die sich in den Händen der Bourgeoisie befindenden Produktionsmittel nur von ihm, dem Proletariat, in Bewegung gesetzt werden können. Vom Gesichtspunkt der Bourgeoisie aus ist das Proletariat also auch eines der Produktionsmittel, das in Verbindung mit anderen einen einzigen einheitlichen Mechanismus darstellt; aber das Proletariat ist der einzige nichtautomatische Teil dieses Mechanismus, und trotz aller Bemühungen kann es nicht auf diesen Zustand eines Automatismus reduziert werden. Diese Position gibt dem Proletariat die Möglichkeit, das richtige Funktionieren der gesellschaftlichen Wirtschaft seinem Willen gemäß teilweise oder ganz zu unterbinden (Einzel- oder Generalstreiks).

Daraus ergibt sich, daß die Bedeutung des Proletariats – bei gleicher zahlenmäßiger Stärke – um so höher ist, je größer die Masse der Produktivkräfte ist, die es in Bewegung setzt: der Proletarier einer großen Fabrik hat – unter sonst gleichen Bedingungen – eine größere soziale Bedeutung als ein Handwerker, ein Proletarier in der Stadt eine größere als ein Proletarier auf dem Lande. Mit anderen Worten: die politische Rolle des Proletariats ist um so gewichtiger, je mehr die Großproduktion über die Kleinproduktion, die Industrie über die Landwirtschaft und die Stadt über das Land dominiert.

Wenn wir die Geschichte Deutschlands oder Englands in der Periode betrachten, in der das Proletariat dieser Länder den gleichen Anteil an der Bevölkerung hatte wie das Proletariat Rußlands heute, so können wir beobachten, daß es nicht die Rolle spielte, die der russischen Arbeiterklasse gegenwärtig zukommt, und dies aufgrund seiner objektiven Bedeutung auch gar nicht konnte.

Dasselbe gilt, wie wir gesehen haben, für die Rolle der Städte. Als die Stadtbevölkerung in Deutschland nur 15 Prozent ausmachte, wie jetzt bei uns, da war nicht daran zu denken, daß die deutschen Städte eine solche politische und ökonomische Rolle im Leben des Landes gespielt hätten, wie es die russischen Städte heute tun. Die Konzentration großer industrieller und kommerzieller Einrichtungen in den Städten und die Verflechtung der Städte mit der Provinz durch ein System von Eisenbahnen haben unseren Städten eine weit größere Bedeutung verliehen, als ihnen allein ihrer Bevölkerungszahl gemäß zukommt; das Wachsen ihrer Bedeutung übertrifft bei weitem ihren Bevölkerungszuwachs, während das Bevölkerungswachstum der Städte wiederum größer ist als die natürliche Zunahme der Gesamtbevölkerung ... In Italien betrug 1848 die Zahl der Handwerker – nicht nur der Proletarier, sondern auch der Meister – etwa 15 Prozent der Bevölkerung, d. h. nicht weniger als der Anteil der Handwerker und Proletarier im Rußland der Gegenwart. Aber die Rolle, die sie spielten, war unvergleichlich viel geringer als die des Industrieproletariats im heutigen Rußland.

Dies alles zeigt deutlich, daß der Versuch, im voraus zu bestimmen, welchen Anteil an der Gesamtbevölkerung das Proletariat im Augenblick der Eroberung der Staatsgewalt haben muß, eine fruchtlose Arbeit ist. Statt dessen werden wir ein paar ungefähre Daten anführen, um zu zeigen, welchen Bevölkerungsanteil das Proletariat gegenwärtig in den fortgeschrittenen Ländern stellt.

Im Jahre 1895 entfielen in Deutschland von der Gesamtzahl der erwerbstätigen Bevölkerung von 20,5 Millionen (ohne Armee, Staatsbeamte und Personen mit unbestimmter Beschäftigung) 12,5 Millionen auf das Proletariat (Lohnarbeiter in Landwirtschaft, Industrie, Handel sowie Hausangestellte); die eigentliche Zahl der Land- und Industriearbeiter betrug 10,75 Millionen. Was die übrigen 8 Millionen angeht, so sind viele davon im Grunde auch Proletarier (etwa Arbeiter in der Keimindustrie, arbeitende Familienmitglieder usw.). Die Zahl der Lohnarbeiter allein betrug in der Landwirtschaft 5,75 Millionen. Die gesamte landwirtschaftliche Bevölkerung machte etwa 36 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Diese Zahlen, wir wiederholen es, gelten für das Jahr 1895. In den verflossenen elf Jahren haben fraglos riesige Veränderungen stattgefunden, die im allgemeinen in eine Richtung gingen: es vergrößerte sich die Zahl der städtischen im Verhältnis zur landwirtschaftlichen Bevölkerung (1882 betrug die Landbevölkerung 42 Prozent), die Zahl des gesamten Proletariats im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung und die Zahl des industriellen Proletariats im Verhältnis zum ländlichen; schließlich entfällt heute auf jeden Industriearbeiter mehr produktives Kapital als 1895. Aber selbst die für 1895 angegebenen Zahlen zeigen, daß das deutsche Proletariat schon seit langem die dominierende Produktivkraft des Landes darstellt.

Belgien mit seiner 7-Millionen-Bevölkerung ist ein reines Industrieland. Von 100 Personen, die irgendeiner Beschäftigung nachgehen, arbeiten 41 in der Industrie im engeren Sinne und nur 21 in der Landwirtschaft. Von den etwas mehr als 3 Millionen Erwerbstätigen entfallen ungefähr 1,8 Millionen, das sind ungefähr 60 Prozent, auf das Proletariat. Diese Zahlen wären sehr viel aussagekräftiger, wenn wir zu dem scharf differenzierten Proletariat die ihm verwandten sozialen Elemente hinzuzählten – die nur formal „selbständigen“ Produzenten, die in Wirklichkeit aber vom Kapital versklavt sind, kleine Beamte, Soldaten usw.

Aber den ersten Platz unter dem Gesichtspunkt der Industrialisierung der Wirtschaft und der Proletarisierung der Bevölkerung nimmt zweifellos England ein. Im Jahre 1901 betrug die Zahl der in Landwirtschaft, Fischerei und Forsten Beschäftigten 2,3 Millionen, während in Industrie, Handel und Transport 12,5 Millionen Personen beschäftigt waren.

Daraus ergibt sich, daß in den wichtigsten europäischen Ländern die Stadtbevölkerung zahlenmäßig die des Landes übertrifft. Aber die Vorherrschaft der städtischen Bevölkerung beruht nicht nur auf der Masse der produktiven Kräfte, die sie darstellt, sondern in weit höherem Maße auf ihrer qualitativen personellen Zusammensetzung. Die Stadt zieht die energischsten, fähigsten und intelligentesten Elemente des Dorfes zu sich hin. Dies statistisch nachzuweisen ist schwierig, obwohl ein Vergleich des Altersaufbaus der Stadt- und Landbevölkerung als indirekter Beweis gelten kann; diese Tatsache hat ihre eigene Bedeutung. So zählte man in Deutschland im Jahre 1896 8 Millionen Beschäftigte in der Landwirtschaft und 8 Millionen Beschäftigte in der Industrie. Teilt man aber die Bevölkerung in Altersgruppen auf, so ergibt sich, daß die Landwirtschaft eine Million Personen im Alter zwischen 14 und 40 Jahren, die sich also im vollen Besitz ihrer körperlichen Kräfte befinden, weniger hatte als die Industrie. Dies zeigt, daß vornehmlich „die Alten und die Kleinen“ auf dem Lande bleiben.

Aus all dem können wir zu dem Schluß kommen, daß die ökonomische Evolution – das Wachstum der Industrie, das Wachstum der Großbetriebe. das Wachstum der Städte, das Wachstum des Proletariats im allgemeinen und des Industrieproletariats im besonderen – bereits den Schauplatz bereitet hat, nicht nur für den Kampf des Proletariats um die politische Macht, sondern auch für ihre Eroberung.

3. Nun wenden wir uns der dritten Voraussetzung des Sozialismus zu, der Diktatur des Proletariats.

Die Politik ist die Ebene, auf der die objektiven Voraussetzungen sich mit den subjektiven überschneiden. Unter bestimmten technischen und sozial-ökonomischen Bedingungen setzt sich eine Klasse bewußt ein bestimmtes Ziel – die Eroberung der Macht; sie vereint ihre Kräfte, wägt die Stärke des Gegners ab und beurteilt die Situation.

Auch in diesem dritten Bereich ist das Proletariat jedoch nicht absolut frei; neben den subjektiven Momenten – Bewußtsein, Bereitschaft und Initiative, deren Entwicklung ebenfalls ihre eigene Logik hat – stößt das Proletariat in seiner Politik auf eine Reihe objektiver Momente, wie: die Politik der herrschenden Klassen, die bestehenden staatlichen Institutionen (Armee, Schulen mit Klassencharakter, Staatskirche), die internationalen Beziehungen usw.

Wir werden zunächst das subjektive Moment behandeln – die Bereitschaft des Proletariats zur sozialistischen Umwälzung.

Zweifellos genügt es nicht, daß das Niveau der Technik eine sozialistische Wirtschaft vom Standpunkt der Produktivität gesellschaftlicher Arbeit hat vorteilhaft werden lassen. Noch genügt es, daß die soziale Differenzierung auf der Grundlage dieser Technik ein Proletariat geschaffen hat, das wegen seiner zahlenmäßigen und wirtschaftlichen Bedeutung die wichtigste Klasse darstellt, die aus objektiven Gründen am Sozialismus interessiert ist. Es ist darüber hinaus notwendig, daß sich diese Klasse ihres objektiven Interesses bewußt ist. Es ist notwendig, daß sie versteht, daß es für sie keinen anderen Ausweg als den Sozialismus gibt; es ist notwendig, daß sie sich zu einer Armee vereint, die stark genug ist, um die Staatsgewalt in offenem Kampf zu erobern.

Unter den heute gegebenen Umständen wäre es unsinnig zu leugnen, daß das Proletariat in dieser Weise vorbereitet sein muß. Nur die alten Blanquisten konnten auf die rettende Initiative verschwörerischer Organisationen hoffen, die sich ohne Kontakt mit den Massen herausgebildet haben; oder ihre Antipoden, die Anarchisten, mögen auf einen spontanen, elementaren Ausbruch der Massen hoffen, von dem es unbekannt bleibt, wodurch er seinen Abschluß findet; die Sozialdemokratie versteht unter der Eroberung der Macht eine bewußte Aktion der revolutionären Klasse.

Aber viele sozialistische Ideologen (Ideologen im schlechten Sinne – diejenigen, die alles auf den Kopf stellen) reden von der Vorbereitung des Proletariats auf den Sozialismus im Sinne seiner moralischen Umwandlung. Das Proletariat und „die Menschheit“ überhaupt müßten vor allem ihre alte egoistische Natur ablegen, im gesellschaftlichen Leben sollten die Impulse des Altruismus vorherrschen usw. ... Da wir bis jetzt von einem solchen Zustand sehr weit entfernt seien und „die menschliche Natur“ sich nur äußerst langsam verändern werde, sei der Ausbruch des Sozialismus um einige Jahrhunderte in die Ferne gerückt. Eine derartige Auffassung scheint sehr realistisch und evolutionär usw. ... In Wirklichkeit gründet sie sich jedoch auf platte moralische Erwägungen.

Es wird angenommen, daß die sozialistische Psychologie eher da sein muß als der Sozialismus, mit anderen Worten, daß es möglich ist, den Massen auf der Grundlage kapitalistischer Verhältnisse eine sozialistische Psychologie einzutrichtern. Man darf hier nicht das bewußte Streben nach dem Sozialismus mit sozialistischer Psychologie verwechseln. Diese setzt das Fehlen egoistischer Motive in der Sphäre des ökonomischen Lebens voraus, während die Bestrebungen und die Kämpfe um den Sozialismus aus der Klassenpsychologie des Proletariats entstehen. Wie viele Berührungspunkte es zwischen der Klassenpsychologie des Proletariats und der sozialistischen Psychologie einer klassenlosen Gesellschaft auch immer geben mag, es trennt sie doch ein tiefer Abgrund.

Der gemeinsame Kampf gegen die Ausbeutung läßt in der Seele des Arbeiters kostbare Ansätze des Idealismus, der kameradschaftlichen Solidarität und der selbstlosen Opferbereitschaft keimen, aber zugleich läßt der individuelle Existenzkampf, der ewig gähnende Rachen der Armut, die Differenzierung innerhalb der Arbeiterschaft selbst, der Druck der unwissenden Massen von unten und die korrumpierende Tätigkeit der bürgerlichen Parteien eine volle Entfaltung dieser kostbaren Ansätze nicht zu.

Aber der Kern der Sache besteht darin, daß sich der durchschnittliche Arbeiter – obwohl er kleinbürgerlich-egoistisch bleibt und in seinem „menschlichen“ Wert die durchschnittlichen Vertreter der bürgerlichen Klassen nicht übertrifft – durch die Lebenserfahrung davon überzeugt, daß seine einfachsten Wünsche und natürlichsten Bedürfnisse nur auf den Trümmern des kapitalistischen Systems befriedigt werden können.

Die Idealisten stellen sich die ferne künftige Generation, die des Sozialismus würdig sein wird, genauso vor, wie die Christen sich die Mitglieder der ersten christlichen Gemeinden vorstellen.

Wie auch immer die Psychologie der ersten Proselyten des Christentums gewesen sein mag – wir wissen aus der Apostelgeschichte, daß es Fälle von Verheimlichung des Eigentums vor der Gemeinde gegeben hat –, auf jeden Fall mißlang dem Christentum im Zuge seiner Verbreitung nicht nur die Umwandlung der Gesinnung des Volkes, sondern es degenerierte auch selbst, wurde materialistisch und bürokratisch; von der brüderlichen gegenseitigen Belehrung ging es über zum Papismus, von den Bettelorden zum klösterlichen Parasitentum, mit einem Wort: es unterwarf sich nicht die sozialen Bedingungen des Milieus, in dem es sich verbreitete, sondern wurde selbst von diesem unterworfen. Und dies geschah nicht infolge der Ungeschicklichkeit oder des Eigennutzes der Väter und Lehrer des Christentums, sondern als Folge der unumstößlichen Gesetze der Abhängigkeit der menschlichen Psychologie von den Bedingungen der gesellschaftlichen Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens. Und diese Abhängigkeit zeigten die Väter und Lehrer des Christentums in ihrer eigenen Person.

Wenn der Sozialismus nur daran gedacht hätte, eine neue menschliche Natur im Rahmen der alten Gesellschaft zu schaffen, wäre er nichts anderes als eine Neuausgabe moralistischer Utopien. Der Sozialismus stellt sich nicht die Aufgabe, eine sozialistische Psychologie als Voraussetzung für den Sozialismus zu entwickeln, sondern sozialistische Lebensbedingungen als Voraussetzung einer sozialistischen Psychologie zu schaffen.

Fußnoten von Trotzki

A. N. Roschkow, K agrarnomu woprosu [Zur Agrarfrage], St. Petersburg 1904, S. 21 u. S. 22.

B. Atlantikus, Gosudarstwo buduschtschago [Der Zukunftsstaat], St. Petersburg 1906, S. 22 u. S. 23 [vgl. Karl Ballod (Atlanticus), Ein Blick in den Zukunftsstaat, Produktion und Konsumtion im Sozialstaat, Stuttgart (Dietz) 1898].



Anmerkungen

9. vgl. die Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England, Jena 1901 (1. russ. Aufl. Petersburg 1894) sowie Theoretische Grundlagen des Marxismus, Leipzig 1905.

10. Pseudonym für Karl Ballod.


Zuletzt aktualiziert am 5.9.2011