Antonio Gramsci


Der Parteitag von Lyon
Rede vor der politischen Kommission

Aus dem Protokoll der Sitzung [1]

(Januar 1926)


Zum ersten Male veröffentlicht in Critica marxista, Sept.-Dez. 1963, Rom.
Antonio Gramsci, La Costruzione del Partito Comunista 1923-1926, Turin 1971, S.481-8.
Antonio Gramsci, Zu Politik, Geschichte und Kultur, Leipzig 1986, S.137-48.
Deutsche Übersetzung: Günther Grübel.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan fü das Marxists’ Internet Archive.


Gramsci legt zusammenfassend die Grundprinzipien dar, auf denen der Entwurf der Thesen [2] beruht, der dem Parteitag von der Parteizentrale vorgelegt [3] wird. – Er stellt eine geschichtliche Rechtfertigung voran, die den Wert der Arbeit zur „Bolschewisierurig“ der Parteien des Proletariats unterstreicht, die nach dem V. Weltkongreß und der Erweiterten Exekutivtagung vom April 1925 [4] begonnen hat.

Zwischen der Arbeit zur „Bolschewisierung“, die gegenwärtig ihren Abschluß findet, und der Tätigkeit, die Karl Marx in der Arbeiterbewegung ausgeübt hat, besteht eine grundlegende Analogie. Es. geht, heute wie damals, darum, gegen jede Abweichung von der Theorie und der Praxis des revolutionären Klassenkampfes aufzutreten; der Kampf vollzieht sich auf dem Gebiet der Ideologie, auf dem der Organisation sowie im Bereich der Taktik und Strategie der Partei des Proletariats. In unserer Partei ist die breiteste Diskussion gerade über die Organisation geführt worden: Das erklärt sich daraus, daß heute auf diesem Gebiet die Folgen der unterschiedlichen ideologischen und taktischen Positionen alten, Genossen unmittelbar deutlich werden, selbst jenen, die weniger auf eine rein theoretische Debatte vorbereitet sind.

Alle strittigen Fragen, die zwischen der Parteizentrale und der Ultralinken bestehen, können um drei Hauptprobleme gruppiert werden: 1. das Verhältnis der Parteiführung zur Masse der eingetragenen Parteimitglieder; 2. das Verhältnis der Parteiführung zur Arbeiterklasse; 3. das Verhältnis der Arbeiterklasse zu den anderen antikapitalistischen Klassen.

Alle diese Beziehungen müssen exakt bestimmt werden, will man als geschichtliches Ergebnis die Diktatur des Proletariats erreichen können. Um tatsächlich zu diesem Ergebnis zu kommen, ist es notwendig, daß die Arbeiterklasse zur führenden Klasse des antikapitalistischen Kampfes wird, daß die Kommunistische Partei die Arbeiterklasse in diesem Kampf führt und daß die Partei im Innern so aufgebaut ist, daß sie diese ihre grundlegende Funktion erfüllen kann. Jedes der drei erwähnten Probleme verbindet sich also mit dem Hauptproblem: Verwirklichung der revolutionären Aufgabe der Kommunistischen Partei.

Mit den beiden ersten Problemen verbunden ist die Frage nach dem Wesen der Partei und der Organe, die sie leiten. Wir meinen, daß es bei einer Definition der Partei notwendig ist, die Tatsache zu unterstreichen, daß sie ein Teil“ der Arbeiterklasse ist, während die Ultralinke diese Seite der Definition vernachlässigt und unterschätzt; sie legt statt dessen das Hauptgewicht auf die Tatsache, daß die Partei ein „Organ“ der Arbeiterklasse ist. Unserer Meinung nach muß man den stärksten Nachdruck auf die Tatsache legen, daß die Partei mit der Arbeiterklasse nicht nur durch ideologische Bande, sondern auch durch solche „physischen“ Charakters verbunden ist. Und das steht in engem Zusammenhang mit den Aufgaben, die der Partei gegenüber der Arbeiterklasse übertragen werden müssen.

Nach Ansicht der Ultralinken ist die Bildung der Partei ein „synthetischer“ Prozeß; für uns dagegen ist das ein historischer und politischer Prozeß, der eng mit der gesamten Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft verbunden ist. Die unterschiedliche Auffassung führt dazu, daß auch in unterschiedlicher Weise die Funktion und die Aufgaben der Partei bestimmt werden. Die gesamte Arbeit, die die Partei bewältigen muß, um das politische Niveau der Massen zu erhöhen, um sie zu überzeugen, und auf den Boden des revolutionären Klassenkampfes zu führen, wird infolge der falschen Auffassung der Ultralinken entwertet und behindert durch die Trennung zwischen der Partei und der Arbeiterklasse, wovon sie ausgeht.

Die irrige Auffassung der Ultralinken über das Wesen der Partei trägt unleugbar Klassencharakter. Nicht etwa, daß sie – wie es in der Sozialistischen Partei geschieht – darauf abzielt, den Einfluß anderer Klassen in der politischen Organisation des Proletariats überwiegen zu lassen; vielmehr wird das Gewicht falsch bewertet, das die unterschiedlichen Elemente, die die Partei bilden, in ihr haben müssen. Die Auffassung der Ultralinken, die die Arbeiter und die Elemente aus anderen sozialen Klassen auf eine Stufe stellt und sich nicht darum kümmert, den proletarischen Charakter der Partei zu wahren, entspricht einer Situation, in der die Intellektuellen als die politisch und sozial fortgeschrittensten Elemente berufen waren, die Organisatoren der Arbeiterklasse zu sein. Heute müssen, unserer Ansicht nach, die Arbeiter selbst die Organisatoren der Arbeiterklasse sein. Man muß deshalb – bei einer Definition der Partei – besonders jenen Teil unterstreichen, der die sehr engen Beziehungen zwischen der Partei und der Klasse, der diese entstammt, hervorhebt.

Dieses theoretische Problem gab den Anstoß für die Diskussion über die Organisierung in „Zellen“, das heißt nach dem Produktionsprinzip. Ja, das war der Punkt, der bei der Diskussion in Vorbereitung des Parteitages am häüfigsten und von der Mehrzahl der Genossen berührt worden ist. Alle Argumente praktischer Natur, die die Veränderung der Organisation der Partei auf der Grundlage der Zellen vorteilhaft und unumgänglich machen, sind also breit dargelegt worden, und die Genossen kennen sie. Die Ultralinke macht Einwände geltend, von denen die wichtigsten in einer Überbewertung des Problems bestehen, die „Konkurrenz“ zwischen den verschiedenen Arbeitergruppen zu überwinden, das heißt des Problems der klassenmäßigen Einigung des Proletariats. Gewiß existiert dieses Problem, doch ist es ein Fehler, daraus eine Grundfrage zu machen, aus der die Organisationsform der Partei resultieren müsse. Außerdem hat dieses Problem in Italien schon seit langem eine Lösung in den Gewerkschaften gefunden, und die Erfahrung hat gezeigt, daß gerade die Organisation auf Betriebsebene es ermöglicht, jeglichen Überrest von Zünftlertum und Kastengeist mit größter Wirksamkeit zu bekämpfen. In der Tat, wenn das Problem, das die Ultralinke als grundsätzlich darstellen will und von dem ihre Besorgnisse herrühren, wirklich ein wesentliches Problem im gegenwärtigen historischen Abschnitt in Italien wäre, dann wären tatsächlich die Intellektuellen organisatorisch die Avantgarde der revolutionären Bewegung. Aber so ist es ja keineswegs!

Eine zweite Grundfrage ist die nach den Beziehungen, die zwischen der Arbeiterklasse und den anderen antikapitalistischen Klassen geschaffen werden müssen. Das ist ein Problem, das nur von der Partei der Arbeiterklasse durch ihre Politik gelöst werden kann.

In keinem Land ist das Proletariat in der Lage, allein die Macht zu erobern und aus eigener Kraft zu behaupten. Es muß sich also Verbündete schaffen, das heißt, es muß eine solche Politik betreiben, die es ihm erlaubt, sich an die Spitze der anderen Klassen, die antikapitalistische Interessen haben, zu stellen und sie in den Kampf zum Sturze der bürgerlichen Gesellschaft zu führen. Diese Frage ist besonders wichtig für Italien, wo das Proletariat eine Minderheit der arbeitenden Bevölkerung ausmacht und geographisch so verteilt ist, daß es nicht wagen kann, einen siegreichen Kampf um die Macht zu führen, bevor es nicht das Problem seiner Beziehungen zur Klasse der Bauern exakt gelöst hat. Der Aufgabe, dieses Problem zu stellen und zu lösen, wird sich unsere Partei in nächster Zeit in besonderem Maße widmen müssen. Übrigens besteht eine Wechselbeziehung zwischen dem Problem des Bündnisses von Arbeitern und Bauern und den Problemen der Organisation der Arbeiterklasse und der Partei; letztere werden um so leichter entschieden werden, je eher das erste einer Lösung zugeführt worden ist.

Das Problem des Bündnisses von Arbeitern und Bauern ist von der Parteizentrale schon aufgeworfen worden, aber man kann nicht behaupten, daß alle Genossen seinen Inhalt gut verstanden und auch die Befähigung hätten, für seine Lösung zu wirken, und das vor allem in den Gebieten, wo es nötig wäre, mehr und besser zu arbeiten, nämlich in Süditalien. So kritisiert die Ultralinke die gesamte Aktion, die die Zentrale gegenüber Miglioli [5], einem Exponenten des linken Flügels der Bauern in der Volkspartei, entfaltet hat. Diese Vorwürfe zeigen, daß die Ultralinke weder den Inhalt noch die Bedeutung des Problems der Beziehungen zwischen dem Proletariat und den anderen antikapitalistischen Klassen begreift. Die Aktion, die die Partei gegenüber Miglioli geführt hat, ist ja gerade mit der Absicht geführt worden, dem Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern den Weg zu öffnen für ihren Kampf gegen den Kapitalismus und gegen den bürgerlichen Staat. Auf der gleichen Ebene liegt die Frage des Vatikans als einer politisch konterrevolutionären Kraft. Die soziale Basis des Vatikans ist gerade durch die Bauern gegeben, in denen die Klerikalen immer eine Reservearmee der Reaktion gesehen und die unter Kontrolle zu halten sie sich ständig bemüht haben. Die Verwirklichung des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern für den Kampf gegen den Kapitalismus setzt voraus, daß der Einfluß des Vatikans auf die Bauern vor allem Mittel- und Norditaliens beseitigt werde. Die von der Partei gegenüber Miglioli verfolgte Taktik ist genau auf dieses Ziel gerichtet.

Das Problem der Beziehungen zwischen dem Proletariat und den anderen antikapitalistischen Klassen ist nur eines der Probleme der Strategie und Taktik der Partei. Auch in anderen Punkten bestehen ernste Meinungsverschiedenheiten zwischen der Zentrale und der Ultralinken. Die Zentrale ist der Auffassung, daß die Taktik der Partei bestimmt werden muß von der Situation und dem Vorsatz, einen entscheidenden Einfluß auf die Mehrheit der Arbeiterklasse zu gewinnen, um sie tatsächlich zur Revolution führen zu können. Die Ultralinke vertritt den Standpunkt, daß die Taktik bestimmt werden muß von Erwägungen formaler Natur und daß die Partei sich nicht jederzeit die Gewinnung der Mehrheit als Ziel stellen darf, sondern sich für längere Zeit auf eine einfache Propaganda ihrer politischen Grundprinzipien beschränken soll.

Das beste Beispiel für das Wesen und die Ausweitung der Meinungsverschiedenheiten hat man in der Taktik, die von der Partei nach der Ermordung Matteottis verfolgt wurde, und der Kritik, die die Ultralinke dagegen vorbringt. Es ist sicher, daß im ersten Augenblick, das heißt sofort nach der Ermordung Matteottis, die verfassungsmäßige Opposition der die Lage bestimmende Faktor war und daß sie ihre Stärke hauptsächlich der Arbeiterklasse und den Bauern verdankte. Es war also im Grunde die Arbeiterklasse, die sich auf einer falschen Position befand und die handelte, ohne sich der eigenen Funktion und der politischen Stellung, die ihr inmitten der gegensätzlichen Kräfte zukam, bewußt zu sein. Die Arbeiterklasse mußte das Bewußtsein von dieser ihrer Funktion und ihrer Position erst gewinnen. Welche Haltung mußte unsere Partei zu diesem Zweck einnehmen? Hätte< es ausgereicht, Propagandalosungen zu verbreiten und eine Kampagne der ideologischen und politischen Kritik sowohl gegen den Faschismus als auch gegen die verfassungsmäßige Opposition (Aventin-Block) [6] zu führen? Nein, das hätte nicht ausgereicht. Die Propaganda und die politische Argumentation, die über die Parteiorgane entfaltet werden, haben einen sehr beschränkten Einflußbereich, sie gehen kaum über die Masse der Mitglieder hinaus. Es war nötig, eine politische Tätigkeit zu entfalten, und diese mußte in bezug auf den Faschismus anders aussehen als gegenüber der Opposition. In der Tat behauptet auch die Ultralinke, daß es zu diesem Zeitpunkt drei Faktoren gab, die die Lage kennzeichneten: den Faschismus, die Opposition und das Proletariat. Das heißt, daß wir zwischen den beiden ersten einen Unterschied machen und uns nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch das Problem stellen mußten, die Opposition sozial und damit auch politisch zu zersetzen, um ihr die Massenbasis zu entziehen. Diesen Zweck verfolgte die politische Arbeit der Partei gegenüber der Opposition. Es ist klar, daß für das Proletariat und für uns zu jenem Zeitpunkt ein Grundproblem bestand: den Faschismus zu stürzen. Gerade weil die Massen wollten, daß der Faschismus mit jedem nur möglichen Mittel geschlagen würde, folgten sie zum größten Teil der Opposition. Und tatsächlich darf man nicht leugnen, daß in Italien, wenn die Regierung Mussolinis – mit welchen Mitteln auch immer – gestürzt worden wäre, eine ziemlich tiefe politische Krise ausgebrochen wäre, deren Entwicklung keiner hätte voraussehen oder aufhalten können. Das wußte aber auch die Opposition, und deshalb schloß sie von Anfang an „eine“ – die einzig denkbare – Möglichkeit aus, den Faschismus zu stützen, nämlich die Mobilisierung und den Kampf der Massen. Indem die Opposition die einzig denkbare Möglichkeit, den Faschismus zu stürzen, ausschloß, hielt sie ihn in Wirklichkeit an der Macht, wurde sie die stärkste Stütze des im Verfall begriffenen Regimes. Nun, es gelang uns, mit der politischen Arbeit gegenüber der Opposition (Ausscheiden aus dem Parlament, Teilnahme an den Sitzungen der oppositionellen Fraktionen, Ausscheiden aus diesen Sitzungen) den Massen diese Tatsache deutlich zu machen, was uns mit einfacher Propagandatätigkeit, mit einer Kritik usw. durchaus nicht gelungen wäre. Wir meinen, daß die Taktik der Partei immer so beschaffen sein muß, wie es unsere Taktik damals war: Die Partei muß die Probleme unverfälscht und unter politischem Aspekt in die Massen tragen, wenn sie Ergebnisse erzielen will.

Die Gewinnung eines entscheidenden Einflusses auf die Mehrheit der Arbeiterklasse und das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern sind eng mit der militärischen Seite der Revolution verbunden, die heute besondere Bedeutung für uns gewinnt in bezug auf die Anordnung der bewaffneten Kräfte, über die die italienische Bourgeoisie verfügt. Vor allem gibt es eine nationale Armee, die aber außerordentlich reduziert ist und in der der Prozentsatz an Offizieren, die die Masse der Soldaten beherrschen, sehr hoch ist. Es ist also alles andere als. leicht, einen solchen Einfluß auf die Armee auszuüben, daß sie in einer revolutionären Situation zum Verbündeten wird. Im günstigsten Fall, soweit man es heute voraussehen kann, könnte die Armee neutral bleiben. Aber außer der Armee gibt es zahlreiche bewaffnete Organe (Polizei, Karabinieri, Nationale Miliz) [7], die sehr schwer durch das Proletariat beeinflußt werden können. Im Endergebnis sind das 600.000 Bewaffnete, die die Bourgeoisie zu ihrer Verfügung hat; wenigstens 400.000 sind nicht für die Politik der Arbeiterklasse zu gewinnen. Das Kräfteverhältnis zwischen Proletariat und Bourgeoisie ist also nur zu verändern durch einen politischen Kampf, dessen Ergebnis sein muß, daß die Partei der Arbeiterklasse sich mit der Mehrheit der werktätigen Bevölkerung verbindet und ihre Führung erlangt; Die taktische Auffassung der Linken ist ein Hindernis bei der Erfüllung dieser Aufgabe.

Alle Probleme, die sich in der Diskussion zwischen der Zentrale und der Ultralinken ergeben haben, sind verbunden mit der internationalen Lage und den Problemen der internationalen Organisation des Proletariats; der Kommunistischen Internationale. Die Ultralinke nimmt auf diesem Gebiet eine sonderbare Haltung ein, die teilweise derjenigen der Maximalisten [8] gleicht, insofern sie nämlich die Kommunistische Internationale als eine de facto bestehende Organisation ansieht, im Gegensatz zur „wahren“ Internationale, die noch geschaffen werden müßte. Diese Fragen so darzustellen, schließt in sich potentiell die Gefahr einer Spaltung ein. Die Standpunkte der Ultralinken in Italien vor und während der Diskussion in Vorbereitung des Parteitages (Fraktionismus) haben übrigens dafür den Beweis erbracht.

Man muß prüfen, wie die Situation unserer Partei als internationaler Organismus ist. 1921 hat sich unsere Partei auf der Grundlage der Thesen und Beschlüsse der, ersten beiden Kongresse der Kommunistischen Internationale konstituiert. Wer hat sich von diesen Thesen gelöst, um eine Stellung einzunehmen, die den Auffassungen der Internationale widersprach? Nicht die Parteizentrale, die jetzt im Grunde die gleiche ist, die auf den Parteitagen von Livorno und Rom gewählt wurde, sondern eine Gruppe von Parteifunktionären, nämlich jene, die die ultralinke Richtung bilden. Die Auffassung dieser Gruppe ist irrig, und die Partei setzt, indem sie dagegen ankämpft und sie verurteilt, nur ihre politische Tradition fort.

Die Breite der Diskussion, die mir den Genossen der Ultralinken geführt worden ist und die auf dem Parteitag weitergeführt werden muß, ergibt sich aus der Tatsache, daß diese Genossen, um sich in der Partei als Fraktion zu behaupten, die Notwendigkeit empfunden haben, über alle zur Diskussion stehenden Probleme eine andere Meinung zu vertreten, während sie gleichzeitig eine Tätigkeit entfalteten, die zur Zersetzung der Parteibasis hätte führen können. Diese Tätigkeit wird vom Parteitag verurteilt und die Möglichkeit ihrer Wiederholung in Zukunft ausgeschlossen werden müssen.

Die Diskussion, die sich auf diesem Parteitag entwickeln wird, hat eine gewaltige Bedeutung insofern, als sie alle Probleme der italienischen Revolution berührt und daher zutiefst die Entwicklung unserer Partei betrifft. Die dort gefaßten Beschlüsse werden die Tätigkeit der Partei über einen ganzen historischen Zeitraum kennzeichnen. Jeder Genosse muß sich also der proletarischen und revolutionären Verantwortung bewußt sein, die er zu tragen hat.

Die Diskussion, die sich in der Partei zwischen der Zentrale und der Ultralinken entwickelt, ist keine rein akademische Diskussion. Die Ultralinke gibt zum Beispiel eine Definition der Partei, die sie dazu führt, taktische Fehler zu begehen. Das ist in der Zeit geschehen, als sie an der Spitze der Partei stand. Das gleiche gilt für die Analyse der Strömungen und der Parteien der Bourgeoisie, zum Beispiel des Faschismus.

Als der Faschismus in Italien aufkam und sich entwickelte – als was mußte man ihn ansehen? War er nur ein Kampfinstrument der Bourgeoisie, oder war er auch eine soziale Bewegung? Die Ultralinke, die damals die Partei führte, betrachtete ihn nur unter dem ersten Aspekt, und dieser Fehler hatte zur Folge, daß es nicht gelang, den Vormarsch des Faschismus aufzuhalten, was vielleicht möglich gewesen wäre. Keine politische Aktion wurde durchgeführt, um zu verhindern, daß der Faschismus an die Macht gelangte. Die damalige Zentrale beging den Fehler anzunehmen, die Situation von 1921 bis 1922 könnte sich hinziehen und sich konsolidieren, so daß es weder notwendig noch möglich wäre, daß eine Militärdiktatur zur Macht gelangte. Diese falsche Einschätzung war die Folge eines fehlerhaften Systems der politischen Analyse, nämlich des Systems, das Bordiga heute dem von der Zentrale vertretenen Leninschen System entgegenstellt.

Die Lage in Italien ist dadurch gekennzeichnet, daß die Bourgeoisie organisch schwächer als in anderen Ländern ist und daß sie sich nur so lange an der Macht halten kann, wie sie die Bauern kontrolliert und beherrscht. Das Proletariat muß darum kämpfen, die Bauern dem Einfluß der Bourgeoisie zu entreißen und sie unter seine politische Führung zu bringen. Das ist der Hauptpunkt der politischen Probleme, die die Partei in nächster Zukunft wird lösen müssen.

Man muß gewiß auch die verschiedenen Schichtungen der Bourgeoisie aufmerksam untersuchen. Ja, man muß sogar die Schichtung des Faschismus selbst untersuchen, weil – unter dem totalitären System, das er zu errichten trachtet – die Konflikte im Schoße des Faschismus selbst hervorbrechen werden, die auf anderen Wegen nicht zutage treten können.

Die Taktik der Partei in der Matteotti-Krise war immer bestrebt, den Schichtungen der Bourgeoisie Rechnung zu tragen. Unser Vorschlag für ein Gegenparlarnent wurde zu dem Zweck gemacht, mit rückständigen Massen Kontakt aufzunehmen, die bis dahin unter dem Einfluß des Groß- oder des Kleinbürgertums gestanden hatten. Es ist sicher, daß sehr viele Bauern Süditaliens erst, als wir den Vorschlag für ein Gegenparlament unterbreiteten, von der Existenz einer Kommunistischen Partei erfahren haben.

Was das Problem der Zellen anbetrifft, so verwechselt Genosse Bordiga die Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen von Arbeitern mit der politischen Spaltung der Arbeiterklasse. Heute ist es wesentlich, gegen die politische Spaltung der Arbeiterklasse zu kämpfen; und die Faschisten versuchen, eine solche politische Spaltung im Proletariat aufrechtzuerhalten, während der Kampf gegen- die Konkurrenz zwischen Berufsgruppen, wenn er auch geführt werden muß, kein Hauptproblem darstellt.

Es ist gewiß nicht wahr, wie Bordiga behauptet, daß nämlich das Problem der Organisation der Partei für uns unter wesentlich anderen Bedingungen steht als für die russische Partei, die auf der Grundlage der Produktion organisiert war. Bordiga behauptet, daß der Zarismus eine reaktionäre Herrschaftsform und keine kapitalistische Macht war. Das ist nicht wahr. Es genügt, die Geschichte der Revolution von 1905 und die Art und Weise zu kennen, wie sich der Kapitalismus in Rußland vor und während des Krieges entwickelt hat, um die Behauptung Bordigas widerlegen zu können.

Das Problem, das sich für uns heute stellt und das im Grunde das gleiche ist, das sich für die russische Partei unter der, Reaktion gestellt hat, ist das der politischen Angleichung und Einigung der Arbeiterklasse. Um dieses Problem zu lösen, muß die Partei auf der Basis von Betriebszellen organisiert sein. Absolut ungeeignet ist die Lösung, die von der Ultralinken verfochten wird: aus den Zellen reine Arbeitsorgane der Partei zu machen. Es existieren in der Partei gegenwärtig zwei Arbeitsorgane: das Gewerkschaftskomitee und die Parlamentsfraktion, und das sind gerade die beiden schwachen Punkte der Partei. Es kann kein Arbeitsorgan geben, das nicht gleichzeitig auch ein politisches Organ ist. Wenn wir das Problem der Zellen lösen wollten, wie die Ultralinke es propagiert, so würden die Zellen entweder nicht mehr politisch arbeiten, was sie aber unbedingt tun müssen, oder zum Träger einer Abweichung von der Linie der Partei werden.

Es ist auch nicht wahr, daß die Frage der Zellen, wie Bordiga sagt, keine Prinzipienfrage ist. Auf organisatorischem Gebiet ist sie eine prinzipielle Frage. Unsere Partei ist eine Klassenpartei und die politische Organisation der Avantgarde des Proletariats. Aufgabe der Avantgarde des Proletariats ist es, die gesamte Arbeiterklasse zum Aufbau des Sozialismus zu führen. Um aber diese Aufgabe zu erfüllen, ist es gerade notwendig, daß die Avantgarde des Proletariats auf der Grundlage der Produktion organisiert ist.

Was die Taktik anbetrifft, so beschränkt sich Genosse Bordiga, wenn er gezwungen ist, seine Einwände zu konkretisieren, darauf, von „Gefahren“ bei der Anwendung der Leninschen Taktik zu sprechen. Die ernstesten Gefahren bestehen aber gerade bei der Anwendung jener Taktik, die er empfiehlt. Natürlich muß man auf die Folgen achten, die die Taktik der Partei auf die Arbeitermassen hat, und es ist ebenso richtig, eine Taktik zu verurteilen, die die Massen zur Passivität verleitet. Gerade das aber geschah 1921 bis 1922 infolge der Haltung, die von der Parteizentrale gegenüber den „Kampftruppen des Volkes“ [9] eingenommen wurde. Jene Taktik entsprach zwar der Notwendigkeit, zu vermeiden; daß die Parteimitglieder von einer anderen Zentrale als der der Partei kontrolliert würden, doch führte sie andererseits dazu, eine Massenbewegung, die von unten ausging, zu disqualifizieren, während sie statt dessen von uns hätte politisch genutzt werden können.

Es ist absurd zu behaupten, daß es keinen Unterschied zwischen einer demokratischen und einer reaktionären Situation gäbe, ja, daß es in einer demokratischen Situation schwieriger sei, die Massen zu gewinnen. Die Wahrheit ist, daß man heute – in einer reaktionären Situation – dafür kämpft, die Partei zu organisieren, während man in einer demokratischen Situation däfür kämpfen würde, die Revolution zu organisieren.

BORDIGA: Aber die Massen müssen bereit sein, sich auf diese Position zu stellen.

GRAMSCI: Deshalb muß man die Zwischengruppierungen zerschlagen, und das erreicht man nicht mit der Taktik, die ihr verfolgt.

Bordiga hat gesagt, daß er Für die Gewinnung der Massen in der Periode eintritt, die der Revolution unmittelbar vorausgeht. Aber wie erfährt man, wann man sich in dieser Periode befindet? Es hängt doch gerade davon ab, wie wir unter den Massen zu arbeiten verstehen, ob diese Periode beginnt oder nicht. Nur wenn wir arbeiten und bei der Gewinnung der Massen Erfolge erzielen, kommen wir zur vorrevolutionären Periode.

Genosse Napoli [10] hat gegen die Art und Weise protestiert, wie die Kampagne gegen den Fraktionismus der Ultralinken geführt worden ist. Ich behaupte, daß diese Kampagne vollkommen gerechtfertigt war. Ich selbst schrieb damals, daß die Bildung einer Fraktion innerhalb der Kommunistischen Partei in unserer aktuellen Situation das Werk von Provokateuren war, und ich erhalte diese Behauptung noch heute aufrecht. Wenn man den Fraktionismus für die einen toleriert, so muß man ihn für alle tolerieren; und einer der Wege, die die Polizei verfolgen kann, um die revolutionären Parteien zu zerschlagen, ist gerade der, im Innern dieser Parteien künstliche Oppositionsbewegungen entstehen zu lassen.

Genosse Napoli hat auch gesagt: Wenn die Zentrale etwas Gutes getan hat, dann auf Grund des Drucks von unten. Es ist doch sehr sonderbar, daß, wenn von unten ein so starker „linker“ Druck bestand, diese ganze linke Kraft sich schon infolge einiger Kommentare zu den Diskussionsbeiträgen aufgelöst hat, In Wirklichkeit existierte eine breite Linksbewegung an der Basis nicht, und die Bildung da Fraktion war eine ganz und gar künstliche Sache. Was die politische Orientierung der Partei an der Basis angeht, so war sie in der Periode der Matteotti-Krise alles andere als links. Die Zentrale mußte Anstrengungen unternehmen, um die Partei auf die Positionen einer Opposition sowohl gegen den Faschismus wie auch gegen den Aventin-Block zu führen. Das war übrigens eine Folge der Situation, in der sich die Partei 1923 befunden hatte, in dem Jahr, in dem sie keine eigene politische Aktion durchgeführt hatte. Deshalb folgte die Partei, während sie sich von den Massen isoliert hatte, zugleich dem Einfluß der Massen, die ihrerseits unter dem Einfluß anderer Parteien standen.

In bezug auf die gegenwärtige Situation der Partei dürfen wir nicht pessimistisch sein. Unsere Partei ist in einer fortgeschritteneren Entwicklungsphase als andere Parteien der Internationale. Es gibt in ihr einen festen proletarischen Kern, und ein homogenes, geschlossenes Zentrum bildet sich heraus.

Aber gerade deshalb ist es notwendig, von unserer Partei mehr als von anderen Parteien der Internationale zu fordern. Der Kampf gegen den Fraktionismus kann und muß in ihren Reihen mit aller Entschiedenheit geführt werden.



Anmerkungen

1. Gramsci hat die folgenden Aufführungen am Vorabend des III. Parteitages der KPI (Lyon, 21. bis 26.1.1926) vor der politischen Kommission des Zentralkomitees gemacht. Der vollständige Text des Sitzungsprotokolls wurde erstmalig in der theoretischen Zeitschrift der Partei Critica Marxista von September/Oktober 1963, Jg. 1, Nr.5/6, veröffentlicht.

2. Ein Teil dieser Thesen, die von Gramsci und Togliatti ausgearbeitet und dem. III. Parteitag vorgelegt wurden, wird im Nachfolgenden veröffentlicht.

3. Auf Grund der Beschlüsse des V. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale (Juni/Juli 1924) wurde die Zentrale der KPI reorganisiert, indem ein Zentralkomitee, bestehend aus siebzehn Mitgliedern, gebildet wurde, in dem das „Zentrum“ (Gramsci – Togliatti), die „Rechte“ (Tendenz Tasca, der jedoch selbst nicht in das Zentralkomitee eintrat) und die „Terzinternationalisten“, die aus der ISP kamen, vertreten waren, jedoch nicht die „Linke“ um Bordiga. Das „Zentrum“, das im allgemeinen von der alten Gruppe des Ordine Nuovo gebildet wurde, hatte in der neuen Leitung das absolute Übergewicht. Seit April 1924 war Gramsci Generalsekretär der KPI. - Angelo Tasca (1892-1960): seit 1912 Mitglied der ISP in Turin, Mitbegründer des Ordine Nuovo; seit der Gründung der KPI Wortführer des rechten Flügels, der unter Berufung auf die Vorschläge der Komintern zum Zusammenschluß mit der ISP in Wirklichkeit die Revision des Parteitages von Livorno anstrebte; auf dem VI. Kongreß der Komintern (1928) in ihr Sekretariat gewählt, nahm er eine liquidatorische Haltung in bezug auf den Kampf der KPI in Italien wie auch hinsichtlich der Innenpolitik der UdSSR (Kollektivierung der Landwirtschaft) ein; nach seinem Ausschluß aus der Partei (1929) führte er offen eine Hetzkampagne gegen die UdSSR und gegen die Aktionseinheit der Arbeiterparteien im Kampf gegen den Faschismus; während des Krieges Mitarbeiter des französischen Rundfunks unter dem Regime Pétains.

4. V. Erweiterte Tagung der EKKI (März/April 1925) in: Internationale Pressekorrespondenz, Jg. 5, Nr.42 vom 4.4.1925.

5. Guido Miglioli (1880-1954): Führer katholischer Bauerngewerkschaften und des linken Flügels in der Italienischen Volkspartei;. von den Faschisten verhaftet, geflohen und bis zur neuerlichen Verhaftung im Widerstandskampf tätig. Nach der Befreiung Italiens wieder Arbeit unter den katholischen Bauern; trat aktiv für die Freundschaft mit der Sowjetunion und den anderen Ländern des Ostblocks ein.

6. Nach der Ermordung Matteottis verließen alle oppositionellen Parteien, einschließlich der Kommunisten, die Abgeordnetenkammer. In Erinnerung an eine Episode der römischen Geschichte nannte sich diese Opposition Aventin. Die Kommunisten schlugen sofort vor, den Generalstreik auszurufen, um die Situation voranzutreiben; aber alle anderen Parteien lehnten ab, weshalb sich die Kommunisten aus dem Komitee der Opposition zurückzogen. Als die Kammer für November 1924 von der Regerung wiedereinberufen wurde, wandte sich die KPI an die Parteien des Aventins mit dem Vorschlag, sich gegen das faschistische Parlament als Gegenparlament zu konstituieren. Aber auch diese Kampfmaßnahme wurde abgelehnt, und die kommunistischen Abgeordneten kehrten daraufhin in die Kammer zurück, um von dieser Tribüne aus den Kampf gegen den Faschismus fortzusetzen.

7. Karabinieri: 1814 gegründete militärische Formation mit Polizeifunktioncn, ähnlich der Gendarmerie in anderen Ländern; die Nationale Miliz war eine Sicherheitsformation, die aus den Schlägertrupps der Faschistischen Partei hervorgegangen war.

8. Das Wort „Maximalisten“ hat doppelte Bedeutung: Einerseits wurden nach der Februarrevolutionen in der westlichen Presse, wie auch hier, die Bolschewiki so bezeichnet; andererseits verstand man darunter in Italien die Zentristen innerhalb der Sozialistischen Partei, die hinter revolutionären Phrasen – „maximale“ Forderungen – ihren Opportunismus verbargen.

9. Es handelt sich um Kampfgruppen gegen den Faschismus, die unter dem Namen „Arditi del popolo“ im Frühjahr 1921 von außerhalb der KPI stehenden antifaschistischen Elementen spontan gebildet wurden, um dem faschistischer Terror eine proletarische Verteidigungsorganisation entgegenzustellen. Die unter Bordigas Führung stehende Leitung der KPI lehnte die Teilnahme daran ab und ordnete den Austritt aller Kommunisten an, die besondere „kommunistische Kampfgruppen“ bilden sollten.

10. Mit Napoli ist ein offenbar aus Neapel stammender Genosse gemeint; bisher nicht identifiziert.


Zuletzt aktualisiert am 8.8.2008