Otto Bauer

Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie


I. Die Nation

§ 11. Nationalbewusstsein und Nationalgefühl


Solange der Mensch nur Nationsgenossen kennt, wird er sich der Übereinstimmung mit ihnen nicht bewusst, sondern nur der Verschiedenheit von ihnen. Wenn ich immer nur mit Deutschen verkehre, immer nur von Deutschen höre, so habe ich überhaupt keine Gelegenheit, mir dessen bewusst zu werden, dass die Menschen, die ich kenne, mir doch in einem gleich sind, nämlich in ihrem Deutschtum, sondern ich sehe immer nur die Verschiedenheiten: er ist ein Schwabe, ich bin ein Bayer; er ist Bourgeois, ich bin Arbeiter; er ist blond, ich bin schwarz; er ist griesgrämig, ich bin heiter. Erst wenn ich fremde Völker kennen lerne, werde ich mir dessen bewusst: diese Menschen sind mir fremd, während ich mit all denen, mit denen ich bisher verkehrt, und mit Millionen anderer durch das Band der Zugehörigkeit zu einer Nation verknüpft bin. Kenntnis fremden Wesens ist Voraussetzung alles Nationalbewusstseins. Es ist kein Zufall, dass unsere älteste berühmte Verherrlichung des deutschen Volkes mit den Worten anhebt:

Lande hab’ ich viel gesehen.

Das Nationalbewusstsein entsteht daher am ehesten bei dem Kaufmann, dem Krieger, dem Arbeiter, der in fremde Länder verschlagen wird; es ist am meisten verbreitet in Grenzgegenden, wo mehrere Nationen aneinanderstoßen.

Isoliert betrachtet, ist das Nationalbewusstsein nichts als die Erkenntnis, dass ich mit meinen Nationsgenossen in gewissen Charaktermerkmalen – in körperlichen Eigenschaften, im Besitze gewisser Kulturgüter, in der Eigenart des Wollens – übereinstimme und mich dadurch von den Menschen, die zu anderen Nationen gehören, unterscheide – theoretisch vertieft, die Erkenntnis, dass ich das Erzeugnis derselben Geschichte bin wie sie. Das Nationalbewusstsein bedeutet also keineswegs etwa die Liebe zur eigenen Nation oder den Willen zur politischen Einheit der Nation. Wer sich in gesellschaftlichen Erscheinungen zurechtfinden will, wird auf reinlicher Scheidung so verschiedenartiger psychischer Gebilde und auf der Festhaltung solcher Unterscheidung durch eine zweckmäßige Terminologie bestehen müssen. Er wird daher auch dem Nationalbewusstsein keinen anderen Sinn geben dürfen als den der bloßen Erkenntnis der Zugehörigkeit zur Nation, der Eigenart der Nation und der Verschiedenheit von anderen Nationen.

Die Nation als Charaktergemeinschaft bestimmt das Handeln des einzelnen Volksgenossen auch dann, wenn er sich seiner Nationalität nicht bewusst wird. Die Nationalität des Individuums ist ja eines der Mittel, durch die die historisch-sozialen Kräfte die Entschließungen des einzelnen bestimmen. Aber dieser seiner Bestimmtheit durch seine Nationalität wird sich das Individuum erst bewusst, wenn es sich als Zugehörigen einer Nation erkannt hat. Erst das Nationalbewusstsein macht also die Nationalität zur bewussten Triebkraft menschlichen. insbesondere auch politischen Handelns.

Darauf beruht es wohl, dass man dem Nationalbewusstsein eine so große Bedeutung für den Bestand, für das Wesen der Nation zugeschrieben hat. Man hat in dem Nationalbewusstsein geradezu das konstitutive Merkmal der Nation finden wollen: eine Nation sei die Gesamtheit derjenigen Menschen, die sich ihrer Zusammengehörigkeit und ihrer Verschiedenheit von anderen Nationen bewusst sind. So sagt beispielsweise Rümelin: „Mein Volk sind diejenigen, die ich als mein Volk ansehe, die ich die Meinen nenne, denen ich mich verbunden weiß durch unlösbare Bande.“ Diese psychlogische Theorie der Nation schien desto annehmbarer, als man nicht imstande war, ein objektives Merkmal der Nation zu finden, als alle Versuche, das Band, das die Nation zu einer Gemeinschaft verknüpft, in der Sprache oder in der Gleichheit der Abstammung oder in der staatlichen Zusammengehörigkeit zu entdecken, an der Mannigfaltigkeit der nationalen Erscheinungen zu scheitern schienen. Indessen ist diese psychologische Theorie der Nation nicht nur nicht befriedigend, sondern geradezu unrichtig. Sie ist nicht befriedigend, denn angenommen selbst, es wäre richtig, dass jene Menschen die Nation bilden, die sich ihrer Zusammengehörigkeit bewusst sind, so wäre doch die Frage nicht zu umgehen: warum fühle ich mich gerade mit diesen und nicht mit jenen Menschen zusammengehörig? Welches sind denn die „unlösbaren Bande“, durch die ich mich mit den Nationsgenossen verknüpft weiß? Wenn ich mir meiner Nationalität bewusst werde, wessen werde ich mir da eigentlich bewusst? Was ist es, was mich zwingt, mich gerade mit den Deutschen allerwärts und nicht mit Engländern oder Franzosen eins zu wissen? Aber die psychologische Theorie der Nation ist nicht nur nicht befriedigend, sie ist auch unrichtig. Ist es denn wirklich wahr, dass alle Nationsgenossen sich ihrer Zusammengehörigkeit immer auch bewusst sind: Ist nur der ein Deutscher, der einmal die Vorstellung seiner Zugehörigkeit zu anderen Deutschen gefasst: Ist der Schweizer Schullehrer, der an die Zusammengehörigkeit mit dem Berliner Arbeiter zeitlebens nie gedacht, darum kein Deutscher: Keine Vorstellung entsteht in meinem Bewusstsein anders, als hervorgerufen durch irgend eine Erfahrung. Der Deutsche, der nur Deutsche kennt und nur von Deutschen hört, kann seiner Verschiedenheit von anderen Nationen, daher auch seiner Übereinstimmung mit seinen Nationsgenossen, seiner Zugehörigkeit zu seiner Nation sich nicht bewusst werden, er hat kein Nationalbewusstsein. Aber gerade sein Charakter ist darum doch vielleicht reiner als der irgend eines anderen durch die deutsche Kultur bestimmt, gerade er kann voll und ganz ein Deutscher sein.

Heute kann allerdings wohl gesagt werden, dass jeder, der überhaupt zur Kulturgemeinschaft einer Nation gehört, auch dieser Zugehörigkeit sich bewusst ist. Aber diese Verbreitung des Nationalbewusstseins ist wesentlich ein Erzeugnis unserer kapitalistischen Zeit, die mit ihrem unerhörten Verkehrsreichtum die Nationen in so enge Verbindung untereinander gebracht hat, dass niemandem mehr, der an der Kultur seiner Nation Anteil hat, die anderen Nationen völlig fremd bleiben. Selbst der, der niemals einen Menschen von Angesicht zu Angesicht gesehen, der zu einer fremden Nation gehört, lernt doch die fremden Nationen aus der Literatur, aus der Zeitung – sei es auch in Zerrbildern – kennen, selbst ihm erwächst aus der Kenntnis der fremden Nationen das Bewusstsein seiner Nationalität. Nur in einer solchen Zeit konnte die unrichtige Ansicht entstehen, dass das Nationalbewusstsein es ist. das die Menschen zu Nationen zusammenschließt.

Das Nationalbewusstsein wird nun dadurch zum Bestimmungsgrund menschlichen Handelns, dass es mit einem eigenartigen Gefühl, dem Nationalgefühl, verknüpft ist. Die Psychologie lehrt uns, dass selbst die einfachsten Bewusstseinserscheinungen, die Empfindungen, regelmäßig einen bestimmten Gefühlston haben; die Empfindung der roten Farbe ist von anderen Gefühlen begleitet als die Empfindung der schwarzen oder der blauen Farbe. Ebenso lösen auch die komplizierteren psychischen Gebilde in uns Gefühle – Lustgefühle und Unlustgefühle, Gefühle der Spannung und der Lösung – aus. Jenes eigenartige Gefühl, von dem das Nationalbewusstsein – die Erkenntnis der Eigenart der eigenen, der Verschiedenheit der anderen Nationen – regelmäßig begleitet ist, nennen wir das Nationalgefühl.

Wenn ich eine fremde Nation kennen lerne, so erscheint mir, was ich sehe, zunächst als etwas Neues, etwas Ungewohntes. Schon der körperliche Typus der fremden Menschen ist häufig ein anderer als der meiner Nationsgenossen; ihre Sitten, ihre Lebensgewohnheiten, ihre geistige Kultur sind mir fremd und ich muss mich oft sehr langsam an sie gewöhnen; verkehre ich mit den Fremden näher, so sehe ich, dass sie unter gleichen Umständen anders wählen, sich anders entscheiden als die Menschen, die ich kenne, dass sie ihre Arbeit anders beginnen, ihr Vergnügen anders wählen.

Das menschliche Bewusstsein wird vom Gesetz der Trägheit beherrscht. In dem Prozess unseres geistigen Werdens haben wir ein System von Vorstellungen gewonnen. Will nun neue Erkenntnis dieses Gebäude umstürzen, so wehrt sich die Trägheit unseres Bewusstseins dagegen – nur mit größter Unlust sieht der Gelehrte, der irgend einen Satz seiner Wissenschaft seit Jahren für wahr gehalten, wie irgend eine neue Tatsache diesen Satz als falsch erweist. Geradeso verknüpft sich sehr häufig auch mit der Beobachtung der Eigenart einer fremden Nation ein Gefühl der Unlust. Vorerst mögen die schönen Frauen Italiens mit ungewohnten Reizen mich anziehen, aber bald sehne ich mich wieder nach den blonden Schönen der Heimat. Die Kultur Italiens mag zuerst meine Freude erwecken; aber dauernd gewöhne ich mich nur schwer an das fremde Volk mit seinen fremden Anschauungen und Sitten; die Eigenart fremden Wollens mag mich zuerst belustigen oder erfreuen, aber bald erweckt es Unlust in mir, dass ich denselben äußeren Reiz auf die fremden Menschen andere Wirkung üben sehe, als wie ich sie nach hundertfältiger Beobachtung der Volksgenossen in meiner Heimat erwarten zu können glaubte. Wenn die Erkenntnis der fremden nationalen Eigenart mich plötzlich, unvorbereitet trifft – passive Apperzeption – so ist sie fast stets von Gefühlen der Unlust begleitet. Aber selbst wenn die Erkenntnis fremder Art vorbereitet ist und mich darum zuerst erfreut – aktive Apperzeption – so weckt doch bald jenes Gesetz der Trägheit ein Unlustgefühl in mir, das darin wurzelt, dass menschliches Bewusstsein sich nur schwer, sich selten ohne Unlustgefühle fremder Eigenart anpasst, neue Vorstellungen, die den alten, Jahrzehnte hindurch anerzogenen, widerstreiten, in sich aufnimmt. So ist sehr häufig die Erkenntnis fremden nationalen Wesens von einem Gefühl der Unlust begleitet. Ist dies der Fall, dann gesellt sich der Vorstellung der eigenen nationalen Art ein Gefühl der Lust. So erweckt die Kenntnis fremder Nationen häufig die Liebe zur eigenen Nation. So quillt das Nationalgefühl aus jener „gefährlich furchtbaren“ Macht des Altgewohnten, aus dem Unwillen, mit dem die Trägheit des menschlichen Geistes allem Neuen und darum allem Fremden gegenübertritt:

                                Das ganz
Gemeine ist’s, das ewig Gestrige,
Was immer war und immer wiederkehrt
Und morgen gilt, weil’s heute hat gegolten.
Denn aus Gemeinen ist der Mensch gemacht
Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
Weh dem, der an den würdig alten Hausrat
Ihm rührt, das teure Erbstück seiner Ahnen!
Das Jahr übt eine heiligende Kraft,
Was grau vor Alter ist, das ist ihm göttlich.

Diese Triebkraft der Liebe zur eigenen Nation ist bei verschiedenen Klassen, bei verschiedenen Individuen verschieden stark. Der Bauer, der keine anderen Menschen kennt als seine wenigen Dorfgenossen, keine anderen Sitten als die von altersher überlieferten seines engen Kreises, keine anderen Anschauungen als die, die er, wie jeder seiner Nachbarn, von der Mutter, vom Schullehrer, vom Pfarrer gelernt, der keine andere Abwechslung kennt als die, die in ewiger Wiederkehr der Wechsel der Jahreszeiten ihm auferlegt, ist am wenigsten gewohnt. Neues aufzunehmen. Neues zu lernen, die erlernten Vorstellungen neuen anzupassen, bei ihm ist daher die Trägheit der Apperzeption besonders stark, die Beobachtung aller fremden Art mit einem besonders lebhaften Unlustgefühl verbunden; jede fremde Kleidung, jede fremde Sitte erregt sein Misstrauen, sehr leicht seinen grimmigen Hass. Bäuerliches Nationalgefühl hat keine stärkere Wurzel als die des Hasses des an das Ererbte, an die Überlieferung eng gebundenen Menschen gegen alles Fremde. Ganz anders ist es etwa bei dem modernen Bourgeois und bei dem modernen Industriearbeiter. Das ewig Neue, das die Grossstadt, die wechselnde Mode, die Zeitung vor seine Augen führt, hat ihn längst gewöhnt, ohne stärkere Unlustgefühle Fremdartiges zu sehen. Die Liebe zur eigenen Nation hat bei ihm andere Quellen als den Hass gegen fremde Eigenart.

Eine dieser Quellen ist die Tatsache, dass die Vorstellung der eigenen Nation räumlich und zeitlich mit anderen Vorstellungen verknüpft ist, deren Gefühlston auf die Vorstellung der Nation übergeht. Gedenke ich meiner Nation, so erinnere ich mich der trauten Heimat, des Elternhauses, der ersten Kinderspiele, meines alten Schulmeisters, des Mädchens, dessen Kuss mich einst beglückt, und von allen diesen Vorstellungen strömt ein Gefühl der Lust auf die mit ihnen eng verknüpfte Vorstellung der Nation, zu der ich gehöre, über.

Aber noch mehr! Mein Nationalbewusstsein bedeutet nicht die Erkenntnis eines Fremden, sondern die Erkenntnis meiner eigenen Nationalität, meiner eigenen Art. Werde ich mir bewusst, dass ich einer Nation angehöre, so erkenne ich, dass mich enge Charaktergemeinschaft mit ihr verknüpft, dass ihr Schicksal mich geformt. ihre Kultur mich bestimmt, dass sie selbst in meinem Charakter wirkende Kraft ist. Nicht ein Fremdes ist mir die Nation, sondern ein Stück meiner selbst, das in dem Wesen der anderen wiederkehrt. So verknüpft sich die Vorstellung der Nation mit der Vorstellung meines Ich. Wer die Nation schmäht, schmäht damit mich selbst; wird die Nation gerühmt, so habe ich an dem Ruhm meinen Teil. Denn die Nation ist nicht außer in mir und meinesgleichen. Das stärkste Lustgefühl wird so mit der Vorstellung der Nation verbunden: Nicht, wie man zuweilen geglaubt hat, wirkliche oder angebliche Interessengemeinschaft mit den Nationsgenossen, vielmehr die Erkenntnis des Bandes der Charaktergemeinschaft, die Erkenntnis, dass die Nationalität nichts als meine eigene Art ist. gesellt der Vorstellung der Nation ein Gefühl der Lust, erweckt in mir die Liebe zur Nation. Mich selbst liebe ich, weil der tierische Trieb der Selbsterhaltung mich beherrscht; die Nation erscheint mir aber als nichts anderes als ein Stück meiner selbst. die nationale Eigenart als ein Stück meines Charakters; darum liebe ich die Nation. So ist die Liebe zur Nation keine sittliche Errungenschaft, kein Ergebnis sittlichen Kampfes, dessen ich mich rühmen dürfte, sondern nichts als ein Erzeugnis des Triebes zur Selbsterhaltung der Liebe zu mir selbst, wie immer ich bin, die sich auf alle erweitert, die mit mir übereinstimmen, mit mir durch Gemeinschaft verknüpft sind.

Zu all diesen Triebkräften des Nationalgefühls kommt aber noch eine: sie entstammt dem Enthusiasmus, den, wie Goethe sagt, die Geschichte erregt. Dem Geschichtskundigen verknüpft sich die Vorstellung der Nation mit der Vorstellung ihrer Schicksale, mit der Erinnerung an heldenmütige Kämpfe, an unablässiges Ringen um Wissen und Kunst, an Triumphe und an Niederlagen. Die ganze Teilnahme, die der Mensch den kämpfenden Menschen der Vergangenheit zu schenken vermag, wandelt sich nun in Liebe zu der Trägerin dieses vielfältigen Schicksals, der Nation. Im Grande ist es kein neues Moment, das wir hier anführen, sondern nur eine Erweiterung der beiden zuletzt genannten; wie die Vorstellung der Nation einen guten Teil ihres Gefühlsreichtums ihrer engen Verbindung mit der Vorstellung meiner eigenen Jugend verdankt, so entfacht auch ihre Verbindung mit der Vorstellung jener Menschen, die uns die Geschichte lieben, bewundern gelehrt. neue Liebe zu ihr. Und wie ich die Nation lieben lerne, wenn ich in ihrer Eigenart mein eigenes Wesen erkenne, so wird mir ihre Geschichte teuer, wenn ich in ihren Schicksalen bis in graue Urzeit zurück die Kräfte zu finden glaube, die dem Wesen der Nachkommen jener fernen Geschlechter, die meinem eigenen Wesen ihre Züge eingegraben haben. Alle jene romantische Lust am längst Vergangenen wird so zu einem Quell der Liebe zur Nation. Dadurch wirkt ein nationales Kunstwerk – Wagners Meistersinger etwa – national: weil es mich ein Stück der Geschichte der Nation und dadurch die Nation selbst lieben lehrt.

Die Kunde der Geschichte der Nation erzeugt vor allem das lebhafte Nationalgefühl der Intelligenz. Aber je weiter die Volksschule, die Zeitung, der Vortrag, das Buch die Kunde von den Geschicken der Nation tragen, desto mehr entfacht sich auch das Nationalgefühl breiter Massen an der Geschichte der Nation.

Das so entstandene Nationalgefühl führt nun zu einer eigentümlichen nationalen Wertung der Dinge. Denn da die Vorstellung des deutschen Volkes mit einem Lustgefühl verbunden ist, so glaube ich bald deutsch nennen zu dürfen, was immer mir mit einem Lustgefühl verknüpft ist. Nenne ich nun einen Mann, einen „echten deutschen Mann“, so will ich damit nicht mehr bloß die Nationalität des Mannes angeben, sondern ich will ihn preisen, ihn rühmen. „Gut deutsch“ wird zu einem Wort des Lobes, „undeutsch“ zum Tadel. Der Namen des Volkes wird zu einer Wertung; ich glaube eine Tat zu rühmen, wenn ich sie gut deutsch, zu tadeln, wenn ich sie undeutsch nenne. Das bedeutet der merkwürdige romantische Ton, der nach Bismarcks Wort mitschwingt, wenn wir vom deutschen Volke spreche!

Die Wissenschaft vermag uns die Entstehung des Nationalgefühls aus dem Nationalbewusstsein, die Entstehung dieser merkwürdigen nationalen Wertung aus dem Nationalgefühl zu erklären. Aber sie vermag mehr: sie vermag die nationale Wertung auch zu kritisieren. Und dies ist eine Aufgabe von nicht geringer Bedeutung. Denn nur die Kritik der nationalen Ideologie vermag jene Atmosphäre der Nüchternheit zu erzeugen, in der allein eine gedeihliche Untersuchung nationaler Politik möglich ist.


Zuletzt aktualisiert am 3.8.2008